Bin ich europäisch?

Autor Luca Fröhlich wollte wissen, welche Rolle Europa in seinem Leben spielt. Also ist er auf Spurensuche gegangen.

Ich sitze auf einer Fähre in Hamburg. Rechts die City, links der Hafen. Die Motoren vibrieren, der Wind pfeift mir ins Gesicht. Wir fahren an den Docks vorbei, da fällt mir der blaue Schriftzug am Bug eines Kreuzfahrtschiffes auf: Europa. Europa? Das ist für mich ein Kontinent, vielleicht auch eine politische Instanz. Doch hier ist Europa groß, imposant und außer Betrieb. Die MS Europa liegt im Trockendock. Und wieder frage ich mich: Europa, was soll das schon sein? Das ist der Beginn einer Suche.

Europa. Schlagwort und Haltung. Identitätsfrage, Widerspruch. Europa, ein Kontinent. Eine politische Union. Ein Streitthema. Europäische Populisten punkten mit nationalistischen Themen. Weniger Flüchtlinge, weniger Geld nach Brüssel oder ganz raus aus der EU. Wo soll ich da anfangen?

Ich und meine Freunde fanden den Euro doof, Panini Sammelbilder und Eiskugeln wurden teurer.

Ich mache mich auf den Weg zum Hamburger Flughafen. Der Regen drückt von der Seite. Am Flughafen steht in großen Lettern „Auf Wiedersehen in Hamburg“. Dahinter dasselbe, in Russisch, Spanisch, Englisch. Auf der Anzeigetafel lese ich Dublin, Nizza, Düsseldorf und Mallorca. Der Flug nach Istanbul ist gecancelt. Ich stelle mir vor, ich wäre in einer dieser Städte. Vermutlich würde dort die Sonne scheinen. Europa, der Kontinent mit unterschiedlichem Wetter? Europa wirkt hier so nah, nur einen Check-In entfernt. Und doch so fern. Die Städte sind eben doch nur Begriffe auf der Anzeigetafel. Es herrscht eine eigenartige Atmosphäre. Vorfreude und Abschiede auf der einen Etage, freudige Wiedersehen der Liebsten nur eine Rolltreppenfahrt entfernt. Ich gehe auf die Aussichtsplattform. Es ist kalt und riecht nach Kerosin. Neben mir steht ein Mann, in der linken Hand ein Bier, in der rechten sein Handy. Er telefoniert. Ich bekomme mit, dass er gestern aus Toulouse kam und heute nicht mehr fliegen wird, dank Sturmtief Xavier. Wir kommen ins Gespräch. Er stellt sich vor, er sei Pilot. Da oben, sagt er, da gäbe es keine Grenzen, da sähe alles gleich aus. Turbinen heulen auf, wir werden unterbrochen, ein Flugzeug startet. Europa sei schon gut, ergänzt er.

Ich bin hungrig. Mein nächster Halt: Das Restaurant Europa.
In Barmbek, irgendwo hier am Barmbeker Markt, solle es sein, das Restaurant Europa. Laut Google stehe ich genau davor. Ich sehe ein Lokal, in dem es Falafel gibt, daneben ein Wettbüro. Vom Restaurant Europa fehlt jede Spur. Über mir fliegt ein Flugzeug hinweg, auf dem Bauch in dicken, roten Lettern: Eurowings. Europa, es steck überall. Für mich war Europa schon immer da. Innereuropäische Grenzkontrollen kenne ich nur aus Erzählungen, als der Euro eingeführt wurde, ging ich in die 3. Klasse. Ich und meine Freunde fanden den Euro doof, Panini Sammelbilder und Eiskugeln wurden teurer. Die Probleme eines Drittklässlers. Europa war nur eines unter vielen Themen im Geschichtsunterricht. Nach meinem Abitur ging ich für einen Freiwilligendienst nach China. Identität ist immer auch ein zweischneidiges Schwert. Man kann nur zu einem bestimmten Punkt mitbestimmen, wer du bist. Identität wird immer auch von anderen gemacht, zur Abgrenzung. In China war ich immer der Deutsche, nie der Europäer. In meiner Jugendzeit war ich für Europa. Es gab keine Alternative, sonst war man gleich Nazi. Erst im Studium habe ich mich damit auseinandergesetzt, was es bedeutet, Teil der Europäischen Union zu sein.

Vielleicht ist Europa nur das Versprechen auf Kontinuität und Gleichheit.

Ich folge der Spur in die Innenstadt von Hamburg, zur Europapassage. Groß, prächtig, verglast. Am Infopoint sitzt ein junger Mann und beobachtet die Menschen. Auf die Frage warum die Europapassage, Europapassage heiße, wisse er keine Antwort, er arbeite erst seit einigen Tagen hier. Er wirkt nervös, eine Frage, mit der nicht gerechnet hat. Ein älteres Ehepaar kommt auf den Infopoint zu und fragt, ob er Spanisch spreche. Er wirkt noch nervöser. Die Kinnlade fällt runter, nur ein gebrochenes ‚no‘ bekommt er heraus. Europa, vereint und doch getrennt.

Früher stand auf dem Grundstück der Europapassage das Europahaus, es bot sich an den Namen zu übernehmen. 40 Prozent der Besucher sind Touristen, das Einkaufszentrum deshalb zweisprachig beschildert, sagt Gerhard Löwe, der Center Manager. Er benutzt Worte wie, Foodcourt, Mall, Uperclass und Mainstream. Auf die Frage, ob er sich europäisch fühle, folgt eine kurze Pause. Dann sagt er langsam und stockend: „Wir fühlen uns grundsätzlich als Europäer“. Es gibt viele europäische Mieter, das Gefühl der grenzenlosen Reisefreiheit und der Freundschaft sei prägend. „Die Unterschiedlichkeit der Kulturen und Menschen stellen eher ein Mehrwert dar“. Da spricht er, der Ökonom. Europa als Geschäftsmodell. Nach dem Interview schimmert die Person Gerhard Löwe durch. Früher war er Fernmelder bei der Bundeswehr und durfte nicht ins Ausland. Heute überquert er die Grenzen, ohne es zu merken. Die Privilegien, die uns Europa bietet, würden wir nicht mehr wahrnehmen, sagt Löwe.
Ich mache mich auf und erkunde die Passage. Die gleichen Läden und Geschäfte habe ich auch bei meinem letzten Urlaub in Den Haag gesehen. Vielleicht ist Europa nur das Versprechen auf Kontinuität und Gleichheit?

Europa ist ein Mosaik, indem sich jeder finden kann, der will.

Tage später sitze ich im Lüneburger Europe Direct Büro. Umgeben von Flyern und Broschüren mit Titeln wie „60 Gründe für Europa“ oder „EU aktuell“. Eine große Europakarte ziert den Raum. Bei mir sitzen Anja Penk und Arian Kuhn. Beide haben Europa noch mit Grenzkontrollen und verschiedenen Währungen kennengelernt. Beide sind überzeugte Europäer. Was bedeutet das, europäisch zu sein? Es folgt eine kurze Pause. Man sei nicht immer einig mit dem, was in Brüssel passiert, so Arian Kuhn, doch man stehe für die Europäische Idee ein. Die Idee, dass man friedlich miteinander leben kann. Eine banale Idee und doch so essentiell. Wir reden weiter, über Identität, Urlaube und europäisch sein. Ich habe das Gefühl, vor mir sitzt die menschgewordenen Europäische Idee. Europa ist hier ehrlich, reflektiert und freundlich.

Auf der Suche nach einer Europäischen Identität bin ich dem Begriff Europa gefolgt. Mir wurde klar, dass Europa viele Gesichter haben kann. Oft verbinden wir Europa mit der EU, doch da ist noch mehr.

Europa ist ein Mosaik, indem sich jeder finden kann, der will. Ob man Europa als Großes Ganzes betrachtet oder doch als kleines Teilstück, alles kann Europa sein. Eine europäische Identität habe ich nicht gefunden. Aber vielleicht gibt es die auch gar nicht.

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