„Ich habe so viele nackte Männer gesehen, wie eine Frau in ihrem Leben niemals sehen sollte.“

Maya Posch ist Hermaphrodit – um die Anerkennung musste sie kämpfen.


Nach 12 Jahren ist endlich ein Happy End in Sicht: Bald kann Maya Posch ganz Frau sein. Sie ist in den Niederlanden aufgewachsen  und hat die meiste Zeit ihres Lebens als Mann verbracht. Einem Land, in dem es offiziell Transsexualität gibt, nicht aber Intersexualität. Maya Posch berichtet von ihrem Kampf, ihren Körper zu verstehen und sich selbst ausleben zu dürfen.Sie ist Aktivistin, weil sie möchte, dass jeder Einzelne einmal seine Komfortzone verlässt und darüber nachdenkt, dass es keine binäre Welt geben kann. Intersex sei das Symptom eines viel größeren Problems.

Zwischen den Geschlechtern

Posch wurde bei Geburt aufgrund der äußerlichen Merkmale dem Geschlecht „männlich“ zugeordnet. In der Pubertät entwickelte sich bei ihr nicht nur die männliche Seite, sondern auch die weibliche. Sie recherchierte und fand heraus, dass sie intersexuell ist. Ihr Hausarzt schickte sie zu einem Genderteam in Amsterdam. Doch anstatt der erhofften Hilfe bekam Posch hier nur mitgeteilt, dass sie sich ihre Intersexualität angeblich einbilde. Das Ergebnis der Blutuntersuchung sage deutlich aus, dass sie männlich sei – eine Lüge, wie sich später herausstellte. Als Kompromiss wurde ihr präsentiert, dass sie ja transsexuell sein könne. Das bedeutet: Nach langer Wartezeit mit psychologischer Hilfe und einem bestandenen Praxistest wäre eine Umoperation möglich. Betroffene warten in der Regel über zehn Jahre auf die OP.

Der 21. Dezember 2007 war der Tag, an dem sich Poschs Leben radikal änderte. Mit ihrer Mutter fuhr sie in eine deutsche Privatklinik, wo bei einem MRT endlich zweifelsfrei bewiesen wurde, dass sie auch weibliche Geschlechtsorgane hat. Doch auch dieser medizinische Beweis reichte in Holland nicht aus, um dort Hilfe zu erfahren. „Holland ist in Bezug auf die binäre Ordnung der Geschlechter sehr konservativ“, sagt Posch. Die Änderung des Geschlechts im Ausweis ist nur möglich, wenn nachgewiesen ist, dass ihre männlichen Geschlechtsorgane nicht mehr funktionieren.

Erst nach einem Umzug nach Deutschland fand Posch die Hilfe, die sie sich von Anfang an gewünscht hat. Posch legt Wert darauf, dass sie durch die Operationen nicht ihre männliche Seite verschließen, sondern ihre weibliche öffnen möchte. Die Ausprägungen, die bei ihr vorhanden sind, sollen auch funktionieren, wünscht sich Posch. Daher scheut sie auch die Risiken der Operation nicht.

Das Problem ist die Gesellschaft

Das Festhalten an binären Strukturen stellt für Posch das Hauptproblem in der Gesellschaft dar. Transsexualität passt in diese binäre Struktur, da ein transsexueller Mensch sich eindeutig einem, wenn auch dem anderen Geschlecht zuordnet. Intersexuelle hingegen vermischen beide Strukturen. Das fängt schon in der Schwangerschaft an: Ein Fötus wird den Geschlechtern „männlich“ oder „weiblich“ zugeordnet, auch wenn er beide Geschlechtsmerkmale besitzt. Ein Kind kann nicht einfach ein Kind sein, sondern muss ein Mädchen oder ein Junge sein, mit den Merkmalen, die die Gesellschaft definiert. Und Menschen seien Veränderungen gegenüber negativ eingestellt. Wir brauchen eine neutrale Sprache wie die Englische, findet nicht nur Posch: „Englisch ist herrlich neutral.“

Männer- und Frauenklischees

Posch ist Software-Entwicklerin, arbeitet also in einem männerdominierten Beruf – eine sprachliche Zuordnung, die sie nicht versteht. Ihre Brüder können mit den technischen Hintergründen von Computern nichts anfangen. Und auch andere kleine Mädchen hätten Interesse an Technik, was ihnen von der Gesellschaft aber oft abtrainiert werde. Durch ihre Veränderung von „Mann“ zu „Frau“ erlebt Posch viele Situationen aus beiden Blickwinkeln und stellt fest: „Als Frau darf man viel mehr. Man darf sich schminken, alle Farben und Stile tragen und alles ausprobieren. Als Frau ist man frei.“ Für Posch sind sowohl die Bezeichnungen „Intersexuell“ als auch „Hermaphrodit“ in Ordnung. Aber die Eigenbezeichnung „DSD“, Disorders in Sex Development, die manche Intersexuelle bevorzugen, findet sie falsch. Sie fühlt sich nicht als Störung. Sie ist wie sie ist.
Von Anna Katharina Dusella

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