Hände mit besonderen Fähigkeiten

Jährlich wird bei 70.000 Frauen Brustkrebs diagnostiziert. Mehr als 17.000 Frauen pro Jahr sterben laut Deutscher Krebsgesellschaft an dieser Krankheit. Im Vergleich zu anderen Krebsarten ist er leichter heilbar, vor allem wenn er früh erkannt wird. Genau dies können die Frauen von discovering hands®. Blinde Menschen verfügen häufig über einen sehr ausgeprägten Tastsinn. Der Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann hatte die Idee, diesen in der Brustkrebsvorsorge zu nutzen, und entwickelte das Projekt discovering hands®. Es bildet seit 2006 blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs) aus.

Nicht behindert, sondern begabt

Eine von ihnen ist Frau Hoffmann. Früher arbeitete sie als Klavierstimmerin, seit acht Jahren ist sie ausgebildete MTU.  „Als ich von diesem Beruf erfuhr, war für mich klar – das ist das Richtige. Denn mit Menschen arbeiten, das wollte ich schon immer““, sagt die freundliche 41-jährige und strahlt. Sie ist für discovering hands® in unterschiedlichen Praxen in Deutschland tätig, donnerstags und freitags in der Praxis des Gynäkologen Dr. Kröger am Grachtenplatz 9 in Hamburg.
Für blinde Frauen wie Frau Hoffmann stellt das Projekt eine außergewöhnliche Chance dar, denn für Menschen mit Behinderung ist es schwierig, einen Beruf zu finden. Das ist nicht immer nachvollziehbar. „“Wir sind nicht behindert. Wir sind normale Menschen, nur dass wir vielleicht mehr Hilfe brauchen. Aber wer braucht keine Hilfe? Ich habe beispielsweise am Bahnhof schon häufig mitbekommen, dass Sehende fragen, wohin ein Zug fährt. Obwohl es dort Anzeigetafeln gibt.““ Sie schätzt ihren Beruf nicht nur, weil sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreitet, sondern vor allem weil er von gesellschaftlicher Relevanz ist. „Mich hat einmal ein älterer Herr gefragt, wie ich mit meiner Behinderung noch leben könne. Da hab ich zu ihm gesagt: Ich hab die Behinderung zum Beruf gemacht! Das Beste, was ich haben kann, oder?“ Und eines ist ihr wichtig: „Ich habe eine Begabung. Die möchte ich gerne den Frauen zugutekommen lassen.“

Die Untersuchung

Eine besondere Begabung ist ihr hochsensibles Tastvermögen tatsächlich. Dass die Tastuntersuchungen einer MTU wesentlich genauer sind, als ärztliche, bestätigen die Statistiken, „sie zeigen, „dass wir MTUs Tumore ab einer Größe von 0,5 cm Durchmesser ertasten können. Ärzte hingegen erkennen Tumore von 1,0 bis 1,5 cm Durchmesser““, berichtet Frau Hoffmann. Kein Wunder, dass sie nur etwa halb so häufig Tumore finden, wie die zur MTU ausgebildeten Frauen.
Hinzu kommt, dass Frau Hoffmann für jede Untersuchung etwa 30 Minuten Zeit einplant. So kann ein persönlicher Kontakt und Vertrauen aufgebaut werden, beides spielt für viele Patientinnen eine große Rolle. Zunächst werden auf und neben der Brust fünf Orientierungsstreifen angebracht, sie teilen die Brust in Zonen. Die MTU untersucht die Brust Zone für Zone, drei Mal nacheinander mit unterschiedlich viel Druck. So kann eine mögliche Gewebeveränderung sehr genau lokalisiert werden.
Wird eine Gewebeveränderung festgestellt, zieht Frau Hoffmann Dr. Kröger hinzu, der die Diagnose stellt. Er prüft via Ultraschall, ob es sich um einen Tumor handelt und bespricht, wenn es nötig ist mit der Patientin weitere Schritte. Die Kosten für eine Tastuntersuchung betragen knapp 60 Euro, sie werden von einigen Krankenkassen übernommen. Eine jährliche Vorsorgeuntersuchung wird empfohlen.

Die Ausbildung

In einer neunmonatigen Berufsausbildung lernen die MTUs neben dem klinischen Tastverfahren, medizinische Grundlagen, um Patientinnen zu beraten oder Arztbriefe formulieren zu können. Wer sich für die Ausbildung interessiert, wird auf sein Tastvermögen hin überprüft, denn dies ist nicht bei allen blinden Menschen in besonderem Maße ausgeprägt. Discovering hands®  sucht aktuell blinde und sehbehinderte Frauen, für die Ausbildung. Ebenso werden gynäkologische Praxen gesucht, die die Unterstützung einer MTU wünschen.
Die medizinische Tastuntersuchung durch MTUs stellt eine Untersuchungsmethode dar, die den Patientinnen möglichst umfassende Sicherheit bietet. Einige Lüneburgerinnen nehmen hierfür den Weg zu Dr. Kröger nach Hamburg auf sich, wie Frau Hoffmann berichtet. „Die Patientin muss deswegen nicht die Arztpraxis wechseln, sie kann den Befund mitnehmen zu ihrer niedergelassenen Ärztin und mit ihr alles Weitere besprechen.“
In Zukunft möchte Frau Hoffmann Kurse anbieten und Frauen zur Selbstuntersuchung anleiten. Denn jede Frau sollte ihre Brust regelmäßig selbst untersuchen können.
von Marianne Schnapauff

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