Gelebter Islam

Über den Islam in Deutschland wird zurzeit viel debattiert. Am Tag der offenen Moschee am 3. Oktober hatten die Lüneburger*innen die Gelegenheit ihre Fragen zum Islam und zum muslimischen Leben zu stellen. Wie beten die Muslim*innen, wofür brauchen sie die Gebetsketten und den Koran? Die Vorstandsmitglieder nahmen sich viel Zeit, um diese Fragen zu beantworten und auch Vorurteile aufzuklären. Außerdem erzählt der Geflüchtete Hayan Ahmed im Interview davon, was der Islam für sein Leben bedeutet.


Trotz des Feiertages und der Sülfmeistertage finden sich über 40 Menschen im Vorgarten der Moschee ein, um an der Führung teilzunehmen. Murat Gök, Mitglied des Vorstands, informiert die Besucher*innen über die 1980 von türkischen Gastarbeitern gegründete Moschee Merkez Camii (türkisch für Zentralmoschee). Diese hat sich dem DITIB angeschlossen, einem bundesweiten Dachverband für die Koordinierung von etwa 950 Moscheen in Deutschland.
In Lüneburg gibt es noch eine weitere Moschee: Das arabische Al-Sahaba Kulturzentrum e.V. Der Geflüchtete Hayan Ahmed besucht diese sooft er kann. Der 35-jährige Syrer lebt seit einem Jahr in Deutschland, seit neun Monaten ist er in Lüneburg.

In der Moschee

Ohne Schuhe dürfen die Besucher*innen den Innenraum der Moschee betreten. Von außen sieht das Gebäude ganz anders aus als die Blaue Moschee in Istanbul – ein typisch lüneburgerisches rotes Backsteingebäude ohne Kuppel oder Minarette.
Es gibt viel zu entdecken: Kronleuchter an den Decken, arabische Schriftzüge an den Wänden und überall im Raum verteilte Ständer mit bunten Gebetsketten. Murat Gök erklärt, dass die Muslim*innen mit den 33 Perlen drei Gebete sprechen – ein Symbol für Allahs 99 verschiedene Namen. Viele Lüneburger*innen suchen bereits jetzt das Gespräch mit anwesenden Gemeindemitgliedern oder blättern in den ausliegenden Exemplaren des Korans.

Das Gebet

Besonders wichtig für die Gemeinschaft der Muslim*innen ist das Freitagsgebet. Dann kommen alle zusammen, um zu hören was der Prophet Mohammed gesagt hat. Ahmed sagt, dass der Imam seine Worte erklärt und Beispiele für die heutige Zeit gibt – ähnlich wie bei Predigten in der Kirche.
Manchmal ist die Merkez Camii dabei so überfüllt, dass nicht alle Platz in ihr finden und draußen im Vorgarten in Richtung der Kaaba in Mekka beten müssen.
Der Imam rezitiert beim Tag der offenen Moschee Suren, arabischsprachige Abschnitte aus dem Koran. Er hat dazu ein weißes Gewand mit rot-golden verzierten Borten übergeworfen und singt in Richtung Gebetsnische. Der Text wird für die Besucher*innen übersetzt. Der Koran ist seit 1500 Jahren unverändert auf Arabisch erhalten, viele Gläubige können ihn sogar auswendig.

Gesellschaftliches Engagement

Die Vorstandsmitglieder sprechen beim Tag der offenen Moschee auch über ihre Projekte wie den Kermes und die Aktion Opferfest-im-Schuhkarton für Flüchtlingskinder. Diese werden vor allem von den Frauen der Gemeinde geleitet. „“Die Männer sind die Köpfe unserer Moschee““, sagt die Frauenbeauftragte Erdogan und ein Vorstandsmitglied ergänzt „ „- ihr Frauen seid unsere Herzen.““
Zum Engagement der Moschee passt die Aussage Hayan Ahmeds, der erklärt: „„Islam ist Leben.““ Das bedeutet für ihn am gesellschaftlichen Geschehen teilzuhaben und mitzuarbeiten.
Er freut sich, wie offen ihm bisher begegnet wurde. Das sei eine Überraschung gewesen, denn in den Medien sei im Zusammenhang mit dem Islam nur von den Strafen durch die Scharia und der Unterdrückung der Frau die Rede. Das sei jedoch nicht der richtige Islam. Da sei Familie und Hilfsbereitschaft das Wichtigste und komme vor Arbeit und Geld an erster Stelle.
Die Verantwortung der DITIB-Moschee ist mit dem momentan größten Projekt, der Flüchtlingsarbeit, gewachsen. Frau Erdogan sagt dazu: „“Die heißen nicht Flüchtlinge, die haben hier alle einen Namen““ und erklärt, die Integrationsarbeit sei Aufgabe der ganzen Menschheit.
Generell vereinigt Merkez Camii Sunniten, Schiiten und andere Strömungen des Islams miteinander. Ca. 30 % der Mitglieder in Lüneburg sind Türken und Kurden. Weitere 30 % sind Araber, die Übrigen bunt gemischt. Sich politisch zu äußern, gehöre jedoch nicht zu den Aufgaben der Moschee.

„Dialog ist wichtig“

Als die Besucher*innen nach mehr als zwei Stunden die Moschee verlassen und ihre Schuhe wieder anziehen, stehen unten Tee, Kekse und Infobroschüren bereit. Viele Lüneburger*innen bleiben noch zum Gespräch, haben detaillierte Fragen oder wollen mehr erfahren über das Leben als Muslim in Lüneburg. „„Dialog ist wichtig““, sagt auch Ahmed zum Abschluss unseres Gesprächs.
„“Unsere Türen stehen auch Nicht-Muslimen offen““, wird während des Tages der offenen Moschee häufig von den Vorstandsmitgliedern betont. Wer den Tag der offenen Tür verpasst hat und nicht bis zum nächsten Jahr warten möchte, kann sich vor Ort (Lüner Weg 27, 21337 Lüneburg) oder per E-Mail (info@moschee-lueneburg.de) über die Gemeinde informieren.
Auch die Leuphana Universität Lüneburg hat eine Muslimische Initiative: Die Muslim Community Leuphana, erreichbar unter https://www.facebook.com/MuslimComunityLeuphana.

Von Keike Niemann und Pauline Reinhardt

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