Alles besser? Das geschah mit der Startwochenpetition

Am Ende der letzten Startwoche standen zwei Gewinnerteams auf der Bühne des Vamos. Ein Team durfte seine Idee im EU Parlament vorstellen, das andere nach Jordanien reisen. Dieses Jahr gab es jedoch keinen Wettbewerb. Grund dafür war ein offener Brief der Studierendenschaft, welcher Grundlegendes der Startwoche in Frage stellte.

Der offene Brief

„Es kam das Gefühl auf, bei einer Fortbildung für junge Unternehmer*Innen gelandet zu sein, statt an einer Universität, die kluge Köpfe herausbringen soll. (…)“, lautete es in dem Brief. Die Studierenden hätten keine Zeit zum Reflektieren der vermittelten Inhalte gehabt, die hauptsächlich ökonomisch ausgerichtet waren. Die Teilnehmer*Innen betrachteten das Thema „Demographischer Wandel“ größtenteils aus einer marktwirtschaftlichen Perspektive. So mussten sich die Gruppen hauptsächlich um Zielgruppen oder Marketing Gedanken machen. Für nicht ökonomische Themen sei wenig Luft gewesen.

Zudem dominierten männliche Referenten die Gastvorträge. Die Preise des Wettbewerbs hätten inhaltlich mit dem Leitthema „Demographischer Wandel“ wenig gemein gehabt. Laut Ronja Hesse, einer der Initiatorinnen der Startwochenpetition, bewirkte der enorme Leistungsdruck gar, dass einige Gruppen sich mit Trennwänden vor möglichem Ideenklau schützten. Andere Teams sollen in Tränen ausbrochen sein, wenn der Videoschnitt nicht perfekt war. Der streng gefasste Zeitplan ließe nicht einmal eine Mittagspause zu. Da die Zeit zum kritischen Hinterfragen der Inhalte fehlte, beleuchteten die Teilnehmenden die Hürden der kommenden Generation lediglich aus marktwirtschaftlicher Sicht. Dass sie diese aber auch aus politischer Perspektive betrachten könnten, fand wenig Beachtung.

„Social Entrepeneurship und Haudrauf-Individualaktionismus können nur Symptome bekämpfen“
-Ronja Hesse

„Social Entrepeneurship und Haudrauf-Individualaktionismus können nur Symptome bekämpfen“, betonte die engagierte Studentin. Gemeinsam mit acht anderen Kommilitonen sammelte sie im Hörsaalgang und in Vorlesungen Unterschriften von Erstsemestern, die ebenfalls Kritik an der Startwoche üben wollten. Dabei trugen sie ca. 400 Unterschriften zusammen, das entspricht einem Drittel der Erstsemester. Der AStA Universität Lüneburg veranstaltete daraufhin am 3. Juni 2015 eine Konferenz zur Planung der Startwoche. Gemeinsam mit den Organisatoren der letzten Startwoche fanden die Teilnehmenden Leitfäden zur Gestaltung der diesjährigen Startwoche unter Berücksichtigung der entstandenen Kritik.

Das hat sich geändert

In dieser Startwoche beachteten die Organisatoren viele der erwähnten Kritikpunkte. Man setzte den Wettbewerb aus und lockerte den Zeitplan. Anstelle von Preisen konnten sich die Gruppen die Unterstützung von Ashoka und des Social Change Hub (SCHub) sichern. Mit dem geringeren Fokus auf die ökonomischen Perspektiven könnten sich Nicht-Wirtschaftswissenschaftler besser in die Arbeitskreise einbinden.

Kritik an den Änderungen kam nun von der Seite der Mentoren. „Soziales Unternehmertum und Handlungsorientierung gehören auch zum Leitbild der Leuphana.“, meint Florian Bontrup, einer der diesjährigen Mentoren. Durch das zwanghafte Wegrationalisieren der unternehmerischen Komponente, des Social Entrepeneurships, blieben nur inhaltliche Debatten ohne Drang zur Veränderung. Ebenso kritisiert er eine Vorgabe, bei der die Mentoren Begriffe wie „Value Proposition“ vermeiden sollten. Dieses Schlagwort kann man mit „Nutzenversprechen“ (Was habe ich davon?) umschreiben.

„Soziales Unternehmertum und Handlungsorientierung gehören auch zum Leitbild der Leuphana.“
-Florian Bontrup

„Das erzwungene Vermeiden von ökonomischem Vokabular geht in Richtung Zensur.“, fügt Florian hinzu. Dies erschwere die Vermittlung von wichtigen Modellen zur Umsetzung der erarbeiteten Ideen.

Die Mehrheit der männlichen Gastredner basiere auf generellem Mangel an Experten dieser Branche. Professorin Jantje Halberstadt, die Leiterin des SCHub, soll dieses Jahr für eine bessere Geschlechterverteilung gesorgt haben. Die beiden Orientation Days am Donnerstag und Freitag entlasteten die Zeitpläne der Teilnehmenden und ermöglichten eine weniger gestresste Erkundung Lüneburgs.

Über den nicht mehr vorhandenen Wettbewerb äußerten sich die Erstis gemischt. Manch einer vermisste den Antrieb durch Konkurrenz, andere wiederum hielten die Thematik für einen Wettbewerb ungeeignet. Schließlich sei soziales Engagement schwer zu messen.

Von: Jan Gooß

No Replies to "Alles besser? Das geschah mit der Startwochenpetition"